Texte zu Kunstwerken

Texte zu Kunstwerken

Nach der Corona Krise ist die Zahl der Hungernden in Afrika um 45 Millionen angestiegen. Die Kluft zwischen den Menschen aus westlichen Industriestaaten und Menschen aus den armen Ländern Afrikas wird immer größer. Wie kann man überhaupt noch miteinander sprechen, wenn man unter so unterschiedlichen Bedingungen aufwächst?

In ihrer Ausstellung „Kindheit (en) kontrastiert die Fotografin Diane von Schoen Bilder von Kindern aus Deutschland und Frankreich mit Bildern von Kindern aus dem Benin und der Dominikanischen Republik.

Ein kleiner französischer Junge sitzt auf dem Boden in einem leeren Zimmer und spielt mit einem Kabel vor einer Steckdose. Das Kabel, das wie eine Nabelschnur ihn mit dem Haus und seinen Eltern fest verbindet, steht auch für die Verbindung des Jungen mit der westlichen technologisierten Umwelt, in der der Zugang zu Strom, Wasser und anderen Annehmlichkeiten selbstverständlich ist. Andererseits birgt das Kabel auch eine Gefahr – der Junge könnte sich einen elektrischen Schlag holen. Diese Gefahr steht paradigmatisch für die Risiken, die die moderne Industriegesellschaft mit ihren Technologien eingeht. Der schwarzer Junge, der vor hinter einem Stacheldrahtzaun in die Augen blickt, hat im Gegensatz dazu ganz andere Probleme. Wo sein Zuhause ist, wissen wir nicht. Sein Alltag ist von Grenzen und Armut bestimmt.

Ein anderer, etwas größerer weißer Junge sitzt missgelaunt an einem Bahnsteig irgendwo in Frankreich. Hat sich der Zug verspätet? Vielleicht hat der Junge ihn auch verpasst? Kinder, die in Europa aufwachsen, sind es gewohnt zu verreisen – im Gegensatz zu Kindern aus Afrika, die oft ihr Leben lang an einem Ort bleiben.

Und da ist das Bild eines Babys, das von seinen Eltern in die Höhe geworfen wird. Das Baby ist dick eingepackt, es hat eine Mütze auf, die ihn vor der Kälte beschützt. Das Baby lacht. Es weiß, dass er nicht fallen wird, sondern die starken Arme seines Vaters ihn auffangen werden. Dieses Urvertrauen, seine Lebensfreude ist etwas, das alle Kinder empfinden sollten und steht für die unschuldige Freude, die wir mit einer idealen Kindheit verbinden.

Wer jedoch glaubt, dass nur europäische Kinder unbeschwerte Freude empfinden können, wird mit dem Bild der spielenden Kinder aus dem Benin eines Besseren belehrt. Diese Kinder blicken fröhlich in die Kamera. Sie besitzen nichts, aber das hindert sie nicht daran, voll Freude vor der Kamera zu posieren. Auf machen Bildern erscheinen die afrikanischen Kinder fast glücklicher zu sein als die europäischen. Sie spielen mit Stöcken, alten Reifen, setzen ihre Fantasie ein und sind oft mit anderen Kindern zu sehen. 

Welch ein Kontrast zu dem kleinen Jungen, der mit seinem Kater vor einem Computerbildschirm sitzt oder später in einem Wald mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck auf einer Schaukel. Möglicherweise, so erzählt uns dieses Bild, liegt die Tragik des westlichen Menschen, der oft seine Kindheit, jenseits einer Gemeinschaft, meist nur mit Geschwistern und ohne das regelmäßige Spiel mit Freunden draußen auf der Straße oder der Natur verbringt. Für die Kinder aus den westlichen Industriestaaten bleibt die Melancholie der Langeweile und der ift durch soziale Medien hervorgerufenen Isolation und Selbstbezogenheit.

Die einfache Gleichung, die Diane von Schoen mit dem Thema der Ausstellung aufzumachen scheint: hier reich und unbeschwert, dort arm und belastet, geht an dieser Stelle nicht auf, sondern öffnet uns den Blick auf eine komplexe Gemengelage, die uns, die westlichen Menschen, einen neuen Blick auf unsere eigene Kindheit werfen lässt.

Nathalie Weidenfeld

Die Nachrichten über die Pandemie, die anti-demokratischen Kräfte, die in Europa Asien und anderswo agieren, die anhaltende Umweltverschmutzung, die Klimaveränderung, drohende politische Eskalationen, all das wird über das Fernsehen und über die Sozialen Medien an uns herangetragen. Es wühlt uns auf und setzt sich in unsere Köpfe und unsere Herzen fest, lässt uns unstet, furchtsam und einsam werden.

Inmitten dieses Trubels, dieser vielen Worte und der inneren Verwirrung steht die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem Ort. Einem Ort, an dem alles auf einmal still ist. Ein Ort der Besinnung, oder noch besser, ein Ort an dem das Nichts herrscht. Oder besser gesagt, das Nichts nur ein kleines bißchen von einem Etwas ist. Einem Etwas, das erfüllt ist von einer Schönheit, die in geraden Linien verläuft und sich lediglich durch eine leichte Brise des Windes berührt, auf- und abbewegt.

Dieses Etwas, dieses zarte Nichts spiegelt sich in den Bildern der Fotografin Diane von Schoen aus ihrer Serie „Serenity“, die in Benin entstanden ist.

Benin mag zu einem der ärmsten Länder der Welt gehören, es kann uns, die Menschen aus der westlichen Zivilisation jedoch einiges lehren. Die Bilder von dem Fluss zeigen uns, dass Ruhe und Schönheit weder erkauft, erkämpft oder hergestellt werden kann. Sie ist nur einfach da. Für all jene die in der Lage sind, sie zu erkennen.

Nathalie Weidenfeld

„Überblendung“

Fotographien von Diane von Schoen

 

Wer länger auf die Fotografien der Serie „Überblendung“ der Fotografin Diane von Schoen blickt, wird durch die Äste und immer feiner werdenden Verästelungen, recht rasch eine Welt hinter diesen Erscheinungen entdecken. Eine Welt, hinter der wieder Ästen und Verästelungen, stehen. Irritiert blicken wir auf die Bilder. Was ist es denn genau, was wir sehen? Und ist das, wir in sehen, die Welt, wie wir kennen? Oder sind die Dinge, die wir auf den zweiten Blick sehen, nicht viel eher die unsichtbaren Strukturen und Prinzipien, welche die sichtbare Welt zusammenhalten? Also genau jene Dinge von denen auch Platon schon sprach, als er in seiner Ideenlehre die Meinung vertrat, es müsse hinter den Erscheinungen ewig gültige Ideen geben. Ist es das, was wir hinter den Ästen zu erkennen glauben?

 

Oder sind die Fotografien viel eher eine Homage an die Theorie existierender Paralelluniversen? Kann es sein, dass Dinge am gleichen Ort und in der gleichen Zeit existieren können, ohne dass sie sich je berühren? Für diese These spricht die Herstellung der Fotografien. Denn diese sind nicht per grafischem Trick entstanden, etwa durch ein digitales Aufeinanderlegen verschiedener Bilder sondern als Ergebnis einer Überblendung. Das, was wir sehen, ist derselbe Ort an einem (praktisch) zeitgleichen Moment.

 

Auf eine andere Weise wiederum erscheinen uns die Fotografien als Zeichnungen. Zeichnungen, bei denen wir unwillkürlich nach einer Harmonie, nach Regelmäßigkeiten suchen möchten. Streben die Äste zu einem Licht? Wollen sie ein großes Ganzes erschaffen? Und wenn ja, wo beginnt dieses große Ganze? Und wo hört es auf? Können wir es überhaupt begreifen?

 

Dabei drängt sich noch eine Frage beim Betrachten der Bilder auf. Und diese betrifft den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Auf was wollen/sollen und können wir eigentlich blicken? Sind es die Äste und Stämme, auf die wir – vor dem Hintergrund des Himmels – unsere Aufmerksamkeit lenken sollen oder geht es vielmehr genau um diesen Hintergrund selbst, also den Raum hinter den Ästen. Der weiße Raum der einerseits sichtbar ist, gleichzeitig aber unergründlich bleibt, weil wir nichts von ihm wissen. Ist er zweidimensional oder besitzt er eine unendliche Tiefe? Ist er endlos oder endlich? Ist er das Pendant zu unserem Universum? Nur eben in Weiß?

In unser hochmediatisierten Welt, in der das Blenden, im Sinne der vordergründigen Angeberei, eine zentrale Rolle spielt, stellt die Techik der Über– blendens eine subversive Kraft dar. Wer überblendet, stellt das, was er sieht in Frage. Auch sein eigenes Sehen. Angesichts einer Überblendung kann es keine Gewissheit geben.s

 

In einer Zeit der ideologischen Gräben, der allzu selbstsicheren und selbstherrlichen Urteilsgeber, schenken uns die Bilder von Diane von Schoen uns einen Ort, an dem der Mensch endlich Fragen stellen kann, ohne darauf eine eindeutige Antwort zu bekommen.

 

Nathalie Weidenfeld

 

Wir sehen Hände. Und wir sehen ein vielschichtiges, fast schon unheimliches, weil insgesamt unverständliches Blau. Das, was auf den ersten Blick vielleicht als Ozean erscheinen mag, ist auf

den zweiten Blick eher eine Ansammlung von blauen Splittern. Oder sind es kleine Äste? Die

Hände sind einerseits Teil dieser disruptiven Landschaft und sind es einerseits auch nicht.

Wurden Sie von dem Blau überschrieben, haben sie sich darin eingeschrieben? In einer

appropriierenden Geste der berühmten Gemäldes von Michelangelo sehen wir, dass es zwei

Hände sind, sich auf dem Bild einander annähern, auf dem Weg sich zu berühren. Ist das Blau

vielleicht nur letzlich Ausdruck des seelischen Zustand in dem die beiden sich befinden? Die

bearbeiteten Fotografien von Diane von Schoen geben uns Rätsel auf, laden zu immer wieder

neuen Betrachtungen ein. Wir selbst müssen – so wie die Hände auch – in die Textur, die sie

umgibt und einschließt, eintauchen. Nicht um sie endgültig zu verstehen, sondern sie zu

erforschen.

Auf einem anderen Bild sehen wir wie zwei Hände sich auf eine raue Oberfläche legen. Ist es ein

alter, zerfallender Baumstamm? Ist es ein rauer Felsen an einer Küste? Wieder gibt uns die hier

abgebildete Textur Rätsel auf. Sie verweist auf Materialien, die wir von irgendwoher zu kennen

glauben und die uns dennoch fremd scheinen.

Die bearbeiteten Fotografien aus der Serie „Exploring textures“ von Diane zeigen uns die

Grenzen der Fotografie auf. Schließlich sind Fotografien zum Betrachten und nicht zum Berühren

gedacht. Und doch werden uns hier Bilder gezeigt, die genau das einzufordern scheinen: die

sinnliche Erforschung von Materialien, die uns ansonsten drohen , sich uns unserem Verständnis

für immer zu entziehen.

Der Mensch ist zuerst und vor allem ein homo tactilis – ein Wesen, dass seine Umwelt vor allem

über Berührung wahrnimmt. Zumindest ist das unsere ursprüngliche Orientierung. Babies und

Kleinkinder stecken nicht umsonst alles in den Mund und wollen ständig nach den Gegenständen

greifen, die in ihrer Nähe sind. Die Welt ist für uns Menschen in der Urform nur begreifbar, wenn

sie be- greifbar ist.

Unsere zeitgenössische Welt ist stark auf visuelle Reize ausgerichtet, das Medium der Fotografie

wird in ihr vor allem dazu eingesetzt wird, die Oberfläche der Dinge zu zeigen und damit rasch

verständlich zu sein. Die Fotografien sind somit ein kulturkritischer Kontrapunkt und stellen in

ihrer Subversivität ihr eigenes Medium in Frage ohne gleichzeitig ihre ästhetische Macht zu

leugnen.

Nathalie Weidenfeld

Texte zu Kunstwerken
Ilana Lewitan "Cubes"

The dolls made up their little home and lived quite peacefully.
One day however, they decided that they wanted to travel.
Have a little fun, see new things.
After all one can’t stay forever with one’s family, can one?
But then they saw. First they saw that they were in a box.
And then they saw that they were all different (which was even worse).
That there were new dolls and old dolls. And black dolls.
And that they had nothing in common.
And then. They started to panic.
“Help us!”, they said, raising their little hands.
“We’re not a family anymore”. “This is not our home anymore.”
But no one could hear them.

Nathalie Weidenfeld